Typisch Mann, typisch Frau? Rollenbilder neu denken

Interview Barbara Blaha

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In Ihrem Buch und auch in der Keynote im Rahmen der AK-Tagung „Gesellschaft gestalten“ zeigen Sie auf, dass Geschlechterrollen massiv ökonomisch zementiert sind. Wenn wir Rollenbilder wirklich neu denken wollen: Welche Schritte sind jetzt notwendig?

Solange Frauen weniger verdienen, schlechter abgesichert sind und den Großteil der unbezahlten Arbeit leisten, wird die angeblich freie Entscheidung vieler Paare ziemlich vorhersehbar ausfallen. Wenn wir Rollenbilder ernsthaft verändern wollen, brauchen wir deshalb strukturelle Veränderungen: flächendeckende Kinderbetreuung, kürzere Vollzeitmodelle, bessere Bezahlung in sozialen Berufen, eine gerechtere Verteilung von Karenzzeiten.

Oft wird so getan, als sei die Entscheidung für ein bestimmtes Lebensmodell „Privatsache“. Wie antworten Sie Menschen, die sagen: „Lass die Paare doch entscheiden, wer zu Hause bleibt“, wenn die Strukturen diese Entscheidung eigentlich schon längst vorweggenommen haben?

Ich frage dann meistens zurück: Wer kann sich diese angebliche freie Entscheidung eigentlich leisten .Wenn ein Paar zwischen zwei Einkommen wählen muss und eines davon deutlich niedriger ist, ist die Entscheidung ökonomisch oft längst gefallen. Das hat wenig mit individueller Vorliebe zu tun und sehr viel mit Machtverhältnissen am Arbeitsmarkt. Dazu kommt: Die Folgen dieser Entscheidungen tragen Menschen nicht nur für zwei oder drei Jahre. Wer länger aus dem Beruf aussteigt, verliert Einkommen, Aufstiegschancen, Pension und oft auch wirtschaftliche Unabhängigkeit. Mütter schenken Vätern statistisch in Österreich fast eine Million Euro an Lebenseinkommen. Deshalb ist die Erzählung von der reinen Privatsache politisch ziemlich bequem. Sie tut so, als hätten alle dieselben Möglichkeiten. Tatsächlich entscheiden Menschen aber innerhalb von Strukturen, die manche Lebensmodelle massiv begünstigen und andere erschweren.

Sie schreiben, dass Feminismus alles besser macht. Auch für Männer. Dennoch erleben wir gerade einen Backlash bei jungen Männern. Wie können wir das Narrativ so drehen, dass der Abschied von der klassischen Versorgerrolle nicht als Verlust von Privilegien, sondern als Gewinn an Lebensqualität begriffen wird?

Viele Männer erleben gerade reale Unsicherheit: steigender Druck, prekäre Arbeitsverhältnisse, hohe Wohnkosten, Zukunftsangst. Gleichzeitig wird ihnen erzählt, sie müssten weiterhin stark, erfolgreich und emotional unangreifbar sein. Das klassische Männerbild macht Männer oft selbst kaputt. Wie viel Lebensqualität gewinnen Männer, wenn sie nicht mehr allein die Rolle des Ernährers tragen müssen? Mehr Zeit mit Kindern. Weniger permanenter Leistungsdruck. Mehr emotionale Freiheit. Mehr Nähe. Mehr Möglichkeiten, das eigene Leben anders zu definieren als über Einkommen und Status. Feminismus nimmt Männern nicht die Freiheit weg. Er erweitert sie.

Welchen Teil der ‚Care-Arbeit‘ (Sorge-Arbeit) unterschätzen wir in der Debatte um Geschlechterrollen am meisten?

Die mentale Organisationsarbeit. Also dieses permanente Mitdenken: Termine koordinieren, Arztbesuche organisieren, Geburtstagsgeschenke besorgen, daran denken, dass die Kinder neue Schuhe brauchen, Formulare unterschreiben, Konflikte im Blick behalten. Viele Menschen sehen Care-Arbeit noch immer nur als sichtbare Tätigkeit. Aber ein enormer Teil davon passiert unsichtbar im Kopf. Diese dauernde Verantwortung erzeugt Stress, Erschöpfung und das Gefühl, niemals wirklich frei zu haben. Und genau diese mentale Dauerbelastung ist extrem ungleich verteilt.

Sie thematisieren oft, wie Frauen mit anderen Maßstäben gemessen werden. Wenn eine Frau bestimmt auftritt, gilt sie oft als schwierig. Wie brechen wir diese Wahrnehmungsmuster auf, ohne dass Frauen sich permanent an männliche Verhaltensmuster anpassen müssen?

Zuerst einmal, indem wir aufhören, so zu tun, als wäre das ein individuelles Problem einzelner Frauen. Das Muster ist ja völlig systematisch. Ein Mann gilt schnell als durchsetzungsstark. Eine Frau mit derselben Art gilt als aggressiv, schwierig oder emotional. Das Verrückte ist: Selbst wenn Frauen perfekt balancieren zwischen freundlich und bestimmt, wird ihnen oft genau diese Balance wieder negativ ausgelegt. Die Lösung kann deshalb nicht sein, dass Frauen noch mehr Kommunikationsarbeit leisten müssen, um für alle angenehm zu wirken. Wir müssen vielmehr hinterfragen, warum Autorität bei Männern als selbstverständlich gilt und bei Frauen noch immer erklärt oder entschuldigt werden muss. Und ehrlich gesagt: Frauen sollten sich nicht kleiner machen müssen, damit andere sich wohler fühlen.

In „Funkenschwestern“ geht es viel um Solidarität. Wo erleben Sie aktuell die größten Widerstände gegen ein neues Denken der Geschlechterrollen: eher in der Politik oder in der gelebten Alltagskultur der Unternehmen?

In beiden Bereichen, aber auf unterschiedliche Weise. Politisch sehen wir gerade einen massiven Rollback. Sobald Gleichstellungspolitik konkret wird, also Geld, Macht, Arbeitszeit oder Umverteilung betrifft, wird sie plötzlich als Überforderung oder Ideologie dargestellt. In Unternehmen wiederum gibt es oft eine moderne Sprache bei gleichzeitig erstaunlich traditionellen Strukturen. Diversity-Slogans sind schnell dahingesagt. Schwieriger wird es bei Führungspositionen, Arbeitszeiten oder der Frage, wer tatsächlich Karriere machen kann, ohne permanent verfügbar zu sein. Und genau dort zeigt sich, wie ernst Gleichstellung wirklich gemeint ist.

Wenn wir in zehn Jahren zurückblicken: Was wäre für Sie der wichtigste Indikator (außer dem Gender Pay Gap), an dem wir messen können, dass wir Geschlechterrollen erfolgreich neu gedacht haben?

Dass Männer genauso selbstverständlich ihre Arbeitszeit reduzieren, wenn Kinder da sind, wie Frauen es heute tun. Das wäre ein echter Kulturbruch. Denn daran würde man sehen, dass Sorgearbeit nicht mehr automatisch weiblich gedacht wird. Und man würde gleichzeitig sehen, dass Unternehmen, Politik und Sozialstaat begonnen haben, Menschen nicht mehr nach einem alten Familienmodell zu organisieren, in dem ein Mensch unbegrenzt arbeitet und ein anderer unbegrenzt alles auffängt.

Welchen konkreten Rat geben Sie jungen Menschen, die heute versuchen, ihre Rollen neu zu definieren, während sie in einem System arbeiten und sich weiterbilden, das noch nach den Regeln der 1970er Jahre funktioniert?

Erstens: Haltet eure Konflikte nicht für persönliches Versagen. Viele Menschen glauben, sie seien individuell überfordert, obwohl sie eigentlich an völlig widersprüchlichen gesellschaftlichen Erwartungen scheitern. Zweitens: Redet früh über Geld, Arbeitszeit und Care-Arbeit. Nicht erst dann, wenn das erste Kind schon da ist. Und drittens: Wartet nicht darauf, dass Institutionen plötzlich modern werden. Viele Systeme sind noch immer auf ein Familienmodell ausgerichtet, das mit der Realität längst wenig zu tun hat. Man muss deshalb oft bewusst gegen Erwartungen arbeiten und eigene Regeln definieren. Das ist anstrengend. Aber genau daraus entstehen gesellschaftliche Veränderungen.

Mag.a Barbara Blaha

arbeitet am liebsten an der Schnittstelle von Wissenschaft und Politik. Sie leitet das Momentum Institut in Wien sowie den Momentum Kongress in Ossiach, ist Universitätsrätin der Universität Wien und Mitbegründerin des Wiener Balls für Wissenschaften.

Im Februar 2026 erschien „Funkenschwestern. Wie Feminismus alles besser macht“ (Molden). In ihrem Buch zeigt Blaha auf, warum ökonomische Fragen auch immer feministische Fragen sind. Sie macht sichtbar, warum Frauen selte ner führen dürfen, öfter unterbrochen und schlechter bezahlt werden.

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