AK-Lehrlingsstudie: Kärntner Lehrlinge litten besonders unter Lockdown

(AK/09) – In Zusammenarbeit mit der FH Kärnten erhob die Bildungsabteilung der AK Kärnten mittels Online-Fragebogen die Situation der Kärntner Lehrlinge im Lockdown. Die Befragung von 217 Lehrlingen spiegelt ein Bild einer teils vergessenen Lehrlingsgeneration wider: „Berufsschülern sollte verstärkt Aufmerksamkeit und Wertschätzung entgegengebracht werden“, so AK-Präsident Günther Goach.


Mund-Nasenschutzmasken, Abstand, Lockdown. Schlagwörter, die den Umgang sowie den persönlichen Kontakt mit anderen Menschen seit vergangenem Jahr stark verändert und geprägt haben. Besonders betroffen: die rund 7.000 Lehrlinge in Kärnten. In der öffentlichen Bildungsdebatte meist mit Schülern über einen Kamm geschert und im Lockdown vergessen. Mit der von AK Kärnten initiierten Lehrlingsstudie in Kooperation mit der FH Kärnten wurden von November bis Anfang Februar rund 217 Lehrlinge zu ihrer schulischen und privaten Situation im Lockdown per Online-Fragebogen befragt.

„Viele Unternehmen suchen händeringend einen Facharbeiter, doch niemand fragt sich, wie es um unsere Lehrlinge in dieser schwierigen Zeit bestellt ist“, mahnt AK-Präsident Günther Goach und bekräftigt: „Es kann nicht sein, dass das Symptom Fachkräftemangel wiederholt angeprangert, aber an der Ursache nicht angesetzt wird. Eine attraktive Ausbildung der Lehrlinge könnte der Schlüssel zur Lösung des Problems sein“.

Mehr Streaming statt Sport

Für 77 Prozent der Lehrlinge hat sich das Leben seit dem Lockdown erheblich verändert. „Sieht man sich das Freizeitverhalten während des Lockdowns an, dann ist das besorgniserregend“, so Christoph Appé, Referatsleiter für Lehrlinge und Jugend in der AK und verweist auf die veränderten Gewohnheiten der Lehrlinge: 64,1 Prozent sahen vermehrt fern (Streaming), 65 Prozent verbrachten mehr Zeit mit Sozialen Medien und 52,5 Prozent kauften mehr online ein. Mit 36 Prozent wurde auch mehr Zeit mit Computerspielen verbracht. 32,7 Prozent griffen mehr zum Alkohol und der Konsum von Zigaretten stieg laut Befragten auf 28,6 Prozent. Hinzu kommt ein veränderter Tagesrhythmus – 58 Prozent gehen später schlafen und stehen auch später auf. Sport hingegen wird nur von 31,4 Prozent der Lehrlinge regelmäßig betrieben.

„Die Folgen der Pandemie für Lehrlinge könnten im psychosozialen Bereich nicht schlimmer sein“, so Appé und verweist auf die Ergebnisse zu den Gemütszuständen der Lehrlinge: Kärntens Lehrlinge sind müder und antriebsloser, gereizter und aggressiver.

Im Vergleich: Schüler sind psychisch und emotional am Limit

Im Rahmen der AK-Schulkostenstudie wurden im vergangenem Jahr auch Schüler wie Eltern laufend zur COVID-19-Situation befragt und welche Auswirkung diese auf die Psyche hat: „Aus den neuesten Ergebnissen dieser Sonderbefragungen geht klar hervor: Auch Eltern und Schüler sind durch die vielen Wochen des Lockdowns psychisch und emotional am Limit,“ so AK-Präsident Günther Goach.

Durch die hohen Belastungen für Familien und die fehlenden Sozialkontakte, leiden auch immer mehr Kinder und Jugendliche an den psychisch-emotionalen Konsequenzen. Die Kinder und Jugendlichen sind wie teilweise auch Lehrlinge einsamer, gereizter, haben Schwierigkeiten sich zu motivieren und Schlafprobleme. Erschreckenderweise ist bereits jedes zweite Kind bzw. jeder zweite Jugendliche betroffen. Schüler der Oberstufe beispielsweise sind seit Oktober fast durchgehend zu Hause. Ihnen fehlen soziale Kontakte und klare Perspektiven. Isolation und Einsamkeit führen bei vielen jungen Menschen zu Antriebslosigkeit, Erschöpfung und depressiven Situationen. Zudem steigen Suizidalität und Essstörungen an. Umso wichtiger ist es, die ausreichende Finanzierung und den Ausbau der Behandlungsplätze für Kinder und Jugendliche in psychosozialen Notsituationen zu gewährleisten.

Eltern ebenfalls massiv unter Druck

Erziehungsberechtigte sind mit enormem Druck konfrontiert und erleben durch die Verbindung von Homeoffice und Homeschooling starke Belastungen. Zusätzliche Faktoren, wie beengter Wohnraum, finanzielle Schwierigkeiten oder technische Defizite, machen die Situation noch schwieriger. Waren es im September 2020 noch 37 Prozent, so gaben jetzt – im zweiten Lockdown – 63 Prozent (jeder zweite Elternteil) an, durch die Betreuungsunsicherheit gestresst zu sein. Aus psychosozialer Sicht ist die Öffnung der Schulen ein wichtiger Schritt, um der Verschlechterung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen entgegenzuwirken.

Organisation der Fernlehre positiv bei Lehrlingen

95 Prozent der Lehrlinge hatten während des Lockdowns eine Fernlehre. Die Hälfte davon war mit „In den eigenen vier Wänden“-Schulbetrieb nicht zufrieden – „Nicht aus technischen Gründen, sondern weil keine Ruhe zum Lernen zu Hause herrschte und der Kontakt zu Lehrern und Mitschülern fehlte“, so Appé. Ein Drittel der Befragten hatte Probleme bei der Vermittlung des Lehrstoffes, da dieser alleine erarbeitet werden musste und sich für viele als schwierig herausstellte. „Es ist eindeutig schwieriger als in der Schule, insbesondere in Mathematik, wie die Lehrlingsstudie zeigt“, sagte Appé. Die Lernmotivation hat sich bei jedem zweiten Lehrling verschlechtert und der Arbeitsaufwand ist größer geworden. „Das Distance Learning verursacht viel mehr Aufwand auf beiden Seiten. Schlechtere Schüler tun sich in dieser Situation besonders schwer, wohingegen gute Schüler diese sehr gut meistern“, betonte Appé. 77 Prozent der Lehrlinge beurteilten die schulische Organisation der Fernlehre jedoch als positiv, da der Stundenplan beibehalten und die Aufgaben zeitgerecht in das Kollaborationstool geladen wurden.

Techn. Ausstattung und Internetverbindung größtenteils gut

Lehrlinge sind im Allgemeinen technisch gut ausgestattet. 73,3 Prozent haben einen eigenen Computer für die Fernlehre. Teilweise ist das Endgerät der Lehrlinge ausgeliehen oder muss mit einem Familienmitglied bzw. einem Schulfreund geteilt oder von der Firma ausgeliehen werden. 17,5 Prozent der befragten Lehrlinge fehlt das Geld, um einen eigenen Computer kaufen zu können. 8,8 Prozent fehlen die finanziellen Mittel für eine gut funktionierende Internetverbindung. Einer von zehn Lehrlinge hat also keine ausreichende Internetverbindung, um dem Unterricht störungsfrei folgen zu können. 25,4 Prozent haben aufgrund des Wohnortes eine schlechte Internetverbindung.

Forderungen der AK Kärnten zur Situation der Lehrlinge

  • In den Betrieben sollte eine Sensibilisierung für die Situation der Auszubildenden stattfinden und Betriebsräte wie auch Sicherheitsvertrauenspersonen müssen dafür geschult werden.
  • Zusätzlich sollte der Ausbau schulpsychologischer Dienste sowie das Nachhilfeangebot verstärkt werden. „Eine Digitalisierungsoffensive muss gestartet werden, damit Jugendliche nicht zurückbleiben. Im Lehrplan sollte „Digitale Bildung“ als fester Bestandteil des Unterrichts installiert werden“, bekräftigte Goach.
  • Der Ausbau der Sozialen Arbeit sollte forciert werden, damit benachteiligte Jugendliche bzw. junge Erwachsene eine gelingende berufliche Integration ermöglicht werden kann.
  • Lehrlingsmilliarde ist gefordert: Unternehmen sollen ein Prozent der Bruttolöhne in einen Topf einzahlen, der Betriebe fördert, die Lehrlinge ausbilden.
  • Die Öffnung von Sportstätten unter Einhaltung entsprechender Maßnahmen für Jugendliche ist gefordert.

Eckdaten zur AK- Lehrlingsstudie: Die Hauptgruppe der Befragten waren Verwaltungsassistenten, Elektrotechniker, Metalltechniker, Maurer und Köche. Der typische Lehrling ist im 3. Lehrjahr und zwischen 15 und 20 Jahre alt ist. Er wohnt noch zu Hause bei den Eltern. Die Lehre findet im Betrieb statt; Lehre ohne Matura.

Daten zur AK-Schulkostenstudie: SORA Institute Ogris & Hofinger GmbH , 1.Sonderbefragung 7. - 15. Oktober 2020 2064 Eltern mit 4.059 Schulkinder // 2.Sonderbefragung 1.- 10. Dezember 2020 1.662 Eltern mit 3.384 Schulkinder // 3.Sonderbefragung 11.-21. Februar 2021 1.234 Eltern mit 2.301 Schulkinder

Kärnten heute, 8. März 2021

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