29.5.2020

Gerechtigkeit für die wahren LeistungsträgerInnen

In den vergangenen Wochen war viel von „Heldinnen und Helden der Arbeit“ die Rede.

Die Krise hat ein helles Licht darauf geworfen, wie unverzichtbar die Arbeit dieser Menschen für die Gesellschaft ist: Beschäftigte in den Gesundheitsberufen, im Handel, in der Reinigung, in der Kinder- und der 24-Stunden-Betreuung, im Transportwesen oder bei Lieferdiensten halten das Land am Laufen.

In vielen dieser Berufe sind allerdings die Arbeitsbedingungen schlecht und das Lohnniveau niedrig. Und: Viele der beklatschten Heldinnen sind Frauen und Migrantinnen.

Heldinnen und Helden der Arbeit brauchen keine Denkmäler

„Man gewinnt den Eindruck, manche wollen den Heldinnen und Helden der Krise ein Denkmal errichten – und das war es dann“, sagt AK Präsidentin Renate Anderl. „Die Heldinnen und Helden der Arbeit brauchen aber kein Denkmal und auch keinen Applaus. Sie brauchen gute Arbeitsbedingungen, faire Einkommen und Zugang zu sozialstaatlichen Leistungen.“

Eine Auswertung des Österreichischen Arbeitsklimaindex der Arbeiterkammer Oberösterreich durch SORA zeigt im Detail, wer diese Beschäftigen sind und unter welchen Bedingungen sie arbeiten. Die folgenden Ergebnisse beruhen auf Repräsentativbefragungen von jährlich rund 4.000 unselbständig Erwerbstätigen ab 15 Jahren in Österreich.


Beschäftigte meist weiblich, viele mit Migrationshintergrund

In Summe arbeiten rund eine Million Beschäftigte in den sogenannten „systemrelevanten“ Berufen. Alleine die drei Bereiche Einzelhandel, Reinigung und Lehrerin/Lehrer umfassen mehr als die Hälfte dieser Beschäftigten.

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In acht von elf Berufen arbeiten überwiegend Frauen. Oftmals haben die Beschäftigen Migrationshintergrund: 56 Prozent aller Reinigungskräfte und 22 Prozent aller Kassakräfte und RegalbetreuerInnen haben laut Statistik Austria (2018) Migrationshintergrund, sie stammen meist aus der Türkei oder den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien, zunehmend auch aus Osteuropa.

Diese LeistungsträgerInnen stellen hierzulande ihre Arbeitskraft zur Verfügung, sie haben sich auch entsprechende Rechte verdient. Wer hier arbeitet, muss einen fairen Zugang zu Sozialleistungen bekommen und darf nicht durch willkürliche Hürden behindert werden. Beschäftigte, die sich dafür entscheiden dauerhaft in Österreich zu bleiben, sollen leichter ÖsterreicherInnen werden können. Die Leistung der Beschäftigten verdient Anerkennung, unabhängig von ihrer Herkunft.

Reinigung und Altenpflege häufig atypisch beschäftigt

Beschäftigte in der Reinigungsbranche sind am stärksten von potenziell prekären Arbeitsverträgen betroffen, nämlich geringfügiger Beschäftigung (14 Prozent) oder Leiharbeit (8 Prozent). Auch Beschäftigte in der Altenpflege und Behindertenbetreuung sowie im Einzelhandel sind häufiger geringfügig, befristet oder als LeiharbeiterIn beschäftigt.

Die geringfügig Beschäftigten sind oft die ersten, die ihre Arbeit verlieren und haben keine Arbeitslosenversicherung. LeiharbeiterInnen werden oft als ArbeitnehmerInnen 2. Klasse behandelt und müssen manchmal jahrelang auf eine Übernahme durch den Beschäftiger-Betrieb warten. Zudem sind in atypischen Arbeitsverhältnissen die Chancen auf berufliche Weiterbildung und Aufstiegsmöglichkeiten deutlich schlechter.

Niedrige Einkommen in Frauenberufen

Von elf als „systemrelevant“ eingestuften Berufsgruppen haben ausgerechnet jene fünf Gruppen, in denen der Frauenanteil am höchsten ist, Einkommen unter dem österreichischen Durchschnitt.

Am unteren Ende befinden sich Reinigungskräfte und Einzelhandelsangestellte, sie verdienen im Schnitt weniger als 1.300 Euro netto/Monat. Vor allem Reinigungskräfte (76 Prozent) und Kassakräfte/RegalbetreuerInnen (70 Prozent) kommen mit ihren Einkommen nur knapp oder nicht aus. In diesen Berufen ist der Frauen- und MigrantInnen-Anteil besonders hoch. Die geringeren Arbeitsstunden erklären die geringeren Einkommen nur zum Teil.

Schwierige Arbeitszeiten und viele Überstunden 

Für die meisten Handelsangestellten gehört der Samstag zur Arbeitswoche. Pflegebedienstete, Ärzte und Ärztinnen und Beschäftigte der öffentlichen Sicherheit müssen mehrheitlich auch sonntags oder nachts ihren Dienst verrichten. Die Überschreitung der vertraglich vereinbarten Arbeitszeit gehört für viele zum Alltag. 8 von 10 Beschäftigten in der öffentlichen Sicherheit und in Lieferdiensten müssen zumindest gelegentlich Überstunden machen, 7 von 10 in Gesundheit und Pflege und fast ebenso viele Handelsangestellte.  

Rund ein Drittel der Beschäftigten in den systemrelevanten Berufen lebt mit mindestens einem Kind unter 14 Jahren im Haushalt. Für sie sind diese Arbeitszeiten besonders schwierig. 39 Prozent aller berufstätigen Eltern in der Altenpflege und Behindertenbetreuung und rund ein Drittel der BerufsfahrerInnen sowie Handelsbeschäftigten sagen, dass sich ihr Beruf mit der Kinderbetreuung nur mittel bis schlecht vereinbaren lässt. Dementsprechend ist der Wunsch nach planbareren Arbeitszeiten und weniger Überstunden groß.

Die LeistungsträgerInnen der Krise © Tea Mina Jaramaz

Hohe Arbeitsbelastung – Pensionsalter kaum erreichbar 

Hoher Zeitdruck und starke psychische Belastungen betreffen besonders Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte. Durch die hohen Arbeitsbelastungen glauben viele Beschäftigte in den systemrelevanten Berufen nicht, ihre Berufe bis zur Pension ausüben zu können. Mehr als 6 von 10 der über 45-jährigen Beschäftigten in der Pflege, der medizinischen Betreuung und der Reinigung und sogar 7 von 10 in der Altenpflege und Behindertenbetreuung halten es für unwahrscheinlich, bis zum Pensionsantrittsalter durcharbeiten zu können. 

„Es sind sich jetzt alle darin einig, dass die sogenannten Systemerhalterinnen und -erhalter für die Gesellschaft insgesamt unverzichtbare Arbeit leisten“, sagt AK Präsidentin Renate Anderl. „Ich pflichte dem voll und ganz bei. Wir müssen ihnen das aber auch mit der ganz konkreten Verbesserung ihrer Arbeits- und Lebenssituation zeigen. Es muss an mehreren Rädern gedreht werden – Heldendenkmäler zu bauen, ist definitiv nicht dabei.“

Die Arbeiterkammer fordert

Faire Entlohnung:

  • Die Kosten der Krise dürfen nicht die ArbeitnehmerInnen zahlen – große Vermögen und Konzerne müssen gerechte Beiträge leisten. Nur so sind angemessene Gehälter in Gesundheit, Bildung und Kinderbetreuung möglich.
  • Umsetzung von 1.700 Euro brutto/monatlich Mindestlohn in den Kollektivverträgen
  • Anhebung des Mehrarbeitszuschlags ab der ersten Stunde auf 50 Prozent
  • Volle Einkommenstransparenz in den Betrieben

Kürzere und planbare Arbeitszeiten:

  • Die Erfahrungen mit Kurzarbeit müssen für eine Verkürzung der Arbeitszeit genutzt werden mit dem Ziel einer 35-Stundenwoche.
  • Leichtere Erreichbarkeit der 6. Urlaubswoche
  • mehr Möglichkeiten zusammenhängender Arbeit schaffen, Einschränkung von geteilten Diensten, beispielsweise Reinigung untertags statt zu den Randzeiten
  • Flexibilitätszuschlag für Beschäftigte, wenn Dienstpläne weniger als 2 Wochen vor dem Einsatz geändert werden, Recht auf Ablehnung der Änderung

Faire Arbeitsbedingungen:

  • Anspruch auf eine Woche bezahlte Weiterbildung für alle ArbeitnehmerInnen pro Jahr
  • verpflichtendes Übernahmeangebot an LeiharbeiterInnen vom Beschäftigerbetrieb nach einer bestimmten Überlassungsdauer
  • ausreichend Personal bei der Arbeitsinspektion, der Landwirtschaftsinspektion und der Finanzpolizei, um die Einhaltung der Lohn- und Arbeitsbedingungen kontrollieren zu können

Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen verbessern:

  • Personaleinsatz pro Dienst erhöhen: Mindeststandards für die Berechnung, dabei dürfen abwesende MitarbeiterInnen (z.B. Karenzen) und Auszubildende nicht eingerechnet werden
  • verlässliche Dienstpläne im Gesundheitswesen, dauerndes Einspringen ist eine enorme Belastung und ein Hauptgrund warum Beschäftigte den Beruf verlassen
  • Unterstützung in gefährlichen oder überfordernden Situationen, z.B. keine Nachtdienste alleine in einer Station/einem Wohnbereich, 2er Teams in den mobilen Diensten bei Einsätzen mit erhöhtem Aggressions- und Gewaltrisiko
  • Fairer Umgang mit 24h-BetreuerInnen: gleichberechtigter Zugang zu Familienbeihilfe und zum Härtefallfonds, transparente Regelungen bei der Bezahlung, gesetzliche Regelungen gegen unsaubere Geschäftspraktiken gegenüber den BetreuerInnen – inkl. Sanktionen bei Verstößen 

Rechte für LeistungsträgerInnen:

  • Erleichterungen beim Erwerb der österreichischen Staatsbürgerschaft für Beschäftigte im Bildungs-, Sozial- oder Gesundheitsbereich, in Kinderbetreuung, Handel, Transport u.a. und automatische Staatsbürgerschaft für ihre in Österreich geborenen Kinder
  • Menschen im Asylverfahren sollen ab dem 6. Monat Zugang zum Arbeitsmarkt inkl. Lehrausbildungen erhalten.
  • Schaffung einer europarechtskonformen Regelung der Familienbeihilfe
  • Bei grenzüberschreitendem Arbeiten müssen die Hürden beim Kinderbetreuungsgeld beseitigt werden. 

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